4. STATEMENT

Ana Vujic
No Man’s Land

Auf der schwarzen Wand wird die Arbeit No Man’s Land von Ana Vujic gezeigt. Die Malerin und Kunsthistorikerin befragt die Verbreitung von Bildmaterial durch die Massenmedien und implizit auch deren ‹privatisierte› Form. Die grossformatige Malerei No Man’s Land zeigt ein Flüchtlingsboot und erinnert an Géricaults Floss der Medusa.

No Man’s Land
Ein Schiff mit Entronnenen kommt übers Meer, wie wir es beinah täglich in den Medien zu sehen kriegen – die Passagiere könnten, wie sie hier dargestellt sind, jedoch auch wir sein. Grossformatig wie Géricaults Floss der Medusa wiegt sich ein Totentanz über die Wellen, desgleichen zeigt sich eine Kritik an herrschenden Zuständen. Mehr noch als nur intellektuelle Kritik wohnt dem Bild indes eine Nachdenklichkeit und Traurigkeit inne. Durch das Erfassen eines grösseren Horizontes dieser news items schafft die Künstlerin hier eine Allegorie.
In einer Rückführung in die Klassizität erhebt Ana Vujic jede einzelne Figur zur Darstellungswürdigkeit, jede einzelne kann uns somit direkt mit einem Gesicht und einer Differenzierung visuell ‹treffen›. Auch klingen die archetypischen Bilder der Flucht nach Ägypten an: es ist eine Flucht in Angst, nachdem eine angekündigte Tötungsabsicht die Existenz in einer steten Bedrohung und Unsicherheit anspannt und verfinstert. Solch ein humaner Extremzustand, der im Lauf der Geschichte immer wieder andere – potentiell also auch uns – trifft, ist in No Man’s Land veranschaulicht. Andererseits ist das Bild auch eine ganz konkrete Reaktion auf die Flut von Bildern in unseren Medien, die von den ‹Konsumenten› oft beiseite geschoben werden – oder die wie ein Schatten mit ihnen mitlaufen.


Transformatorische Schwärze – der Style Noir von Ana Vujic
Die Kunst von Ana Vujic besetzt immer einen Spannungsbogen zwischen Subkultur und museal-akademischer Tradition, zwischen Direktheit und Symbolismus, zwischen der spontanen Impulsivität des Punk und der eng bestimmten Bildsystematik der tradierten Ikonographie.

Über ihre prägenden Begegnungen mit Kunst sagt Ana Vujic, als ‹Bilder› empfunden und wahrgenommen habe sie in ihrer Kindheit mehrheitlich Ikonen in der serbisch-orthodoxen Kirche. Bei den Messebesuchen ihrer Grossmutter verbrachte sie viel Zeit vor diesen Ikonenwänden und war Motiven wie dem leidenden Christus ausgesetzt, da sie noch zu klein war, um regulär an der Messe und am Gesang der Älteren teilzunehmen. Als sie mit zehn Jahren in die Schweiz zu ihren Eltern zog, geriet sie durch Zufall, bzw. räumliche Nähe, an die Kunstmesse Art Basel, wo sie ein Bild von Renée Levi in den Bann zog. Eine Epiphanie. Denn dessen impulsive und doch kontrollierte Geste, mit dem expressiven Schrei des Neonpink setzte eine neue visuelle Energie frei und sie wusste, dass Zeichnen und Kunst ihre Ausdrucksformen sein würden. Die Ikonostase hatte einen elektrischen Impuls bekommen, das Bild war zum Leben erweckt, das visuelle Medium erweitert worden. Offener Raum, um eine eigene Auseinandersetzung zu ermöglichen und zum eigenen Bildschaffen einzuladen. So arbeitet sie in diesem Feld zwischen Tradition und Expressivität, zwischen geordneter Strenge und wildem Impuls, zwischen Gegenständlichem und Abstrahiertem. Oft führt sie dies in die allegorische Form; und immer entstehen ihre Werke in einer raschen, entschiedenen Arbeitsweise ohne monatelanges Feilen und Verfeinern.
Die favorisierte Technik Ana Vujics ist die Zeichnung mit Tuschfeder oder Pinsel, erweitert um ein direktes, häufig auch ‹aggressives› Bearbeiten des Bildträgers, welcher beispielsweise geritzt wird. Zudem stellt sie Siebdrucke her, oft über bereits bestehende Objekte (z.B. Schallplattenhüllen). Viele ihrer Bildträger sind gefundene Materialien, die anschliessend überlagert werden. Ein Teil der alten Substanz bleibt hierbei absichtlich noch erkennbar. Einerseits geschieht damit eine gewaltsame Einschreibung ins Alte und Althergebrachte, andererseits wird den Spuren der Zeit Respekt gezollt, indem ihnen eine, wenn auch entstellte, Anwesenheit zugestanden wird (namentlich in den übermalten Ikonenbildern).
Ana Vujic bezeichnet sich als Autodidaktin und hält fest, sie stehe (als Kunstschaffende, nicht als Kunsthistorikerin) völlig ausserhalb des Diskurses von Kunsthochschulabgängerkunst, welche sich schon lange von der handwerklichen bzw. zeichnerischen Ausdrucksform losgelöst hat. Die Reduktion auf Schwarzweiss erlaubt ihrer Kunst eine erhöhte Konzentration auf den Inhalt, die Übermittlung von Gefühlen und der Aussage; ganz grundsätzlich ist Kunst für sie ein Medium, das kommunizieren will, ein Medium des Ausdrucks. Mit reflektiertem Interesse lotet Ana Vujic gerne die Grenze zwischen dem, was als Kunst und dem, was nicht Kunst gilt aus und verfolgt ihren Verlauf. Nie flüchtet sie dabei ins Ironische, dem sie eher kritisch gegenübersteht.
Da sie sich im Studium der Kunstgeschichte auch in der Theorie profund mit Performancekunst auseinandergesetzt hat, haben viele ihrer Werke einen Aspekt öffentlicher Interaktion, beispielsweise entsteht das eigentliche Werk im öffentlichen städtischen Raum (so ihre Schreib-‹performances› mit Schreibmaschine, u.a.). Durchaus möchte sie sich einer Tradition der politischen Kunst anschliessen und diese weiter betreiben. Immer gelingt es ihren Bildern, sowohl das Bewusstsein und das Wissen um diese tradierte Überlieferung durchscheinen zu lassen, wie auch zu einer vollständig zeitgenössischen Form zu finden, die auch Impulse von Kunstguerilla oder Street Art aufnimmt. Auch in Ana Vujics Schaffen kann man eine – so vom Peng! Collective für sich in Anspruch genommene – ‹Sehnsucht nach zärtlicher Sabotage› konstatieren. Die Realität wird verwertet, auf reale Zustände reagiert, aber in einer angereicherten Form, welche durch die künstlerische Umwandlung erreicht wird. Eine der stärksten, durchgehend mitschwingenden Referenzpunkte im Werk Ana Vujics ist sicherlich Goya und seine in jedem erdenklichen Sinne schwarze Malerei: die Dunkelheit der menschlichen Grausamkeit offenlegend, ohne das Licht des Geistes zu verlieren. So wird durch den kreativen Impuls und die Begegnung mit der Schwärze eine Umwandlung möglich, welche die condition humaine sichtbar macht, aber zum Leben hin transformiert.


Sybille Sunda
Basel, 2017

Weitere Informationen: www.anavujic.ch

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